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GTZ-Arbeit in Zentralasien und im Baltikum
Ariane Halter-Jugov, GTZ Berlin, Programm für nationale Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien GTZ-Arbeit in Zentralasien und im Baltikum / Ariane Halter-Jugov, GTZ Berlin, Programm für nationale Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien / Zusammenfassung | f.ize | Forum Internationale Zusammenarbeit für Nachhaltige Entwicklung
11.02.2003, 20:00 Uhr GTZ-Haus Berlin, Reichpietschufer 20

Die Programme der GTZ für nationale Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien sind in erster Linie darauf ausgerichtet, Bleibehilfe zu leisten und den Angehörigen der deutschstämmigen Minderheiten durch Hilfe zur Selbsthilfe Perspektiven in ihrem Lebensumfeld zu eröffnen. Frau Halter-Jugov wies eingangs darauf hin, dass viele der in den zentralasiatischen und baltischen Ländern noch lebenden Deutschstämmigen nicht aufgrund der Verbindung zu Deutschland auswandern wollen, sondern weil sie in wirtschaftlicher Hinsicht für sich und ihre Familien keine Lebensperspektiven sehen, oder weil schon die ganze restliche Familie in Deutschland lebt. Sie sind aufgrund ihrer Kontakte mit bereits Ausgewanderten verhältnismäßig gut über deren Situation in Deutschland informiert und sehen, dass die Anpassung an ein neues Umfeld erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringt. Insbesondere die Jugendlichen fühlen sich in ihren Heimatländern verwurzelt, so dass die Auswanderung in vielen Fällen auf die Initiative der Eltern zurückgeht, die ihren Kindern andere Möglichkeiten eröffnen wollen als sie selbst hatten. Gehörten Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Jahre etwa 70 % der Auswanderer der deutschen Minderheit an, so ist das Verhältnis heute nahezu umgekehrt. Etwa 80% der Auswanderer sind Familienangehörige, die darüber hinaus keinen Bezug zu Deutschland haben.
Zentralasien
Die GTZ arbeitet in den zentralasiatischen Ländern Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan direkt mit den deutschen Minderheiten zusammen. Zudem führt sie Verhandlungen (Sitzungen der Regierungskommissionen) mit Mitgliedern der Regierungen über die Durchführung von Projekten. Dies geschieht, um die Sicht der nationalen Regierungen auf die Situation und Bedürfnisse der im Land lebenden deutschstämmigen Bevölkerung zu lenken, sie in die Planungs- und Gestaltungsprozesse einzubeziehen, und wenn möglich, zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Die Verhandlungen finden auf allen Ebenen statt, wobei sich nach Frau Halter-Jugov herausstellte, dass das Interesse zur Zusammenarbeit auf lokaler Ebene häufig ausgeprägter ist als bei den Mitgliedern der Regierung bzw. der Ministerialebene.
Die Regierungen hoffen, dass die Angehörigen der deutschstämmigen Minderheiten eine "Brückenfunktion" übernehmen , die zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation im ganzen Land führt. Als Beispiel nennt Frau Halter-Jugov einen nach Deutschland ausgewanderten deutschstämmigen Kasachen, der nach seiner Rückkehr im Süden Kasachstans erfolgreich eine Schweinezucht betreibt. Es gebe mittlerweile auch einzelne Fälle, in denen Ausgewanderte, ohne konkrete Perspektiven zu haben, zurückkehrten, obwohl sie bei ihrer Auswanderung ihre sozialen Netzwerke abgebrochen hätten. Es sind allerdings bisher nur Einzelfälle.
Im Vordergrund des Gesprächs über die Arbeit der GTZ in Zentralasien standen Kasachstan und Kirgisistan.
Kasachstan
In Kasachstan lebten 1999 ca. 321.000 Deutschstämmige, die Familien nicht eingerechnet. Heute sind es unter 300.000 Deutschstämmige, da viele nach Russland oder Deutschland ausgewandert sind. Anders als in Kirgisistan ist die deutsche Minderheit in dem autoritär regierten Land nicht politisch repräsentiert. In den 13 Hauptregionen des Landes wurden sog. Wiedergeburtsgesellschaften gegründet, die ihre Mitglieder in den Rat der Deutschen entsenden. Die GTZ arbeitet mit der Assoziation der deutschen Minderheit unmittelbar zusammen.
Eine Zusammenarbeit mit den kasachischen Strukturen besteht überwiegend auf dem Gebiet der Ausbildungsförderung und den kasachischen Berufsfachschulen, die als Partnerschulen der GTZ mit deren Mitteln ausgestattet werden. Die Förderung dieser Schulen mit Modellcharakter könne auch dazu dienen, die Förderung durch das BMZ fortzuführen, indem z.B. die Fortbildung von Lehrern und die unterrichteten Berufsprofile weiter finanziert bzw. auf anderen Berufszweige erweitert würden. Die Finanzierung der Schulen sei deshalb wichtig, da, bis auf einen kleinen Schülerkontingent, die staatsfinanziert werden, die Eltern das Schulgeld selbst aufbringen müssten und daher nur eine gute Ausstattung und Bildungsebene der Schulen deren Fortbestehen sichere. Die Zusammenarbeit erfolge auf Grundlage eines Vertrages mit der jeweiligen Ausbildungsstelle, wonach die pro Kopf veranschlagten Kosten von der GTZ in Form von Sachmitteln, darunter die technische Ausstattung der Räume, erbracht würden. Dadurch werde gewährleistet, dass auch Schüler, die eine so geförderte Schule besuchen und nicht der deutschen Minderheit angehören, von der Unterstützung profitieren.
Auf dem Gebiet des außerschulischen Deutschunterrichts, arbeiten zur Zeit in Kasachstan ca. 455 Lehrer im Auftrag der GTZ, deren Fortbildung ebenfalls unterstützt wird. Auch dies ist mittlerweile für Kasachstan ein positiver Wirtschaftsfaktor.
Auf die Frage, wie die Unterstützung anderer mit dem Auftrag der GTZ im Programm für nationale Minderheiten zu vereinbaren sei, sagte Frau Halter-Jugov, dass es gemäß ihrem Auftrag vorrangige Aufgabe der GTZ sei, die Angehörigen der deutschstämmigen Minderheiten zu unterstützen. Dies geschehe in weiten Teilen unter Einbeziehung der übrigen Bevölkerung, um die Lebensbedingungen in einer Region im Ganzen zu verbessern. Wie im Bereich der Bildung solle auch im humanitären Bereich die Mehrheit der Begünstigten deutscher Abstammung sein, es würden aber auch andere Bedürftige unterstützt.
Die von der GTZ im Programm für nationale Minderheiten durchgeführten Projekte werden zumeist in dreifacher Hinsicht geprüft: finanziell und inhaltlich durch das Bundesverwaltungsamt, intern durch die GTZ, sowie durch die örtlichen Mitarbeiter in den jeweiligen Projekten.
Die Arbeit der GTZ ist vorrangig darauf ausgerichtet, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Hier liege nach Frau Halter-Jugov ein wesentliches Problem darin, dass viele Menschen erwarteten, unterstützt zu werden. Nach umfangreichen Hilfsmaßnahmen vor allem Anfang der 90er Jahre habe sich vor allem in den zentralasiatischen Ländern eine "Versorgungsmentalität" herausgebildet, der nun begegnet werden müsse.
Als ein Beispiel für ein funktionierendes Projekt nannte sie einen Bäckereibetrieb, der mit Unterstützung der GTZ aufgebaut wurde und nun seinerseits Mittel für die Unterhaltung der örtlichen Sozialstation erwirtschaftet. (dies ist ein Beispiel aus Kirgisistan!)
In diesem Zusammenhang wies Frau Halter-Jugov darauf hin, dass die Kreditprogramme des BMZ in Zentralasien allen zugänglich seien, die die jeweiligen Voraussetzungen für die Vergabe eines Kredits erfüllten. Überschneidungen von Programmen in Zentralasien, wo sowohl das BMI und das BMZ die Finanzierung von Projekten übernähme, werden vermieden.
Kirgisistan
In Kirgisistan lebten 1999 ca. 22.000 Deutschstämmige, heute sind es ca. 17.000. Der Vorsitzende der deutschen Minderheit ist ebenfalls Angehöriger des Parlaments .
Es gibt noch einige Dörfer, deren Bevölkerung zu einem großen Teil deutschstämmig ist. Als Beispiel nannte Frau Halter-Jugov das Dorf Bergtal mit einem Anteil von etwa 33 Prozent deutschstämmiger Bevölkerung, die überwiegend die deutsche Sprache gut beherrscht und nicht auswandern will.
Alles was für Kasachstan erläutert wurde trifft auch für Kirgisistan zu.
Die Arbeit der GTZ in Kasachstan und Kirgisistan für die deutsche Minderheit soll sich auch künftig prioritär auf Unterstützung im Berufsbildungsbereich und auf die humanitäre Hilfe konzentrieren. Die vom BMZ finanzierten Maßnahmen sind in der Regel längerfristig angelegt als die BMI-Förderung.
Russland
Vergleichend zog Frau Halter-Jugov die Situation der Deutschstämmigen Minderheit in Russland heran. In Russland leben nach groben Schätzungen 500.000 bis 800.000 Angehörige der deutschen Minderheit. Anders als in den von der GTZ unterstützten zentralasiatischen Ländern, die gleichzeitig von BMZ und BMI-finanzierten Projekte gefördert werden, gebe es in Russland keine GTZ/BMZ-finanzierten Projekte.
Zur Durchführung der Projekte im Auftrag des BMI wurden verschiedene Trägerstrukturen gegründet. Die gegründeten Entwicklungsgesellschaften sollen nunmehr in Stiftungen umgewandelt werden.
Vor dem Hintergrund der rasant zunehmenden Zahl der Aidserkrankungen und der Tatsache, dass Kranke in Russland ihre medizinische Versorgung im wesentlichen selbst bezahlen müssen, sind Drogen- und HIV-Prävention sowie die gesundheitliche Aufklärung wichtige Aufgabenbereiche zur Unterstützung der deutschstämmigen und russischen Bevölkerung (Dies gilt genau so für Zentralasien). Kleinere Kreditprogramme, die Fortbildungen und Existenzgründerseminare beinhalten, sollen die Lebensbedingungen in wirtschaftlicher Hinsicht verbessern.
Ziel ist es, dass in den meisten Bereichen die Projekte durch die Titularnation kofinanziert werden. Frau Halter-Jugov betonte, dass die inhaltliche Zusammenarbeit in Russlandintensiver sei als in den zentralasiatischen Ländern. Örtlich sei die gute Zusammenarbeit auf ein höheres Maß an Eigeninitiative aus der Bevölkerung zurückzuführen.
Baltikum
In den baltischen Ländern leben heute nur noch wenige Deutschstämmige. Mit etwa 8.000 ist ihre Zahl in Litauen am größten. Viele Angehörige der deutschen Minderheit verfügen über verhältnismäßig gute deutsche Sprachkenntnisse und werden im Rahmen des Programms für nationale Minderheiten in kleineren Projekten und durch Begegnungszentren unterstützt. Die Interessenlagen und Bedürfnisse der älteren und jüngeren Generationen sind sehr unterschiedlich. Nach Einschätzung von Frau Halter-Jugov sind viele deutschstämmige Jugendliche, die sozial gut integriert sind, dennoch daran interessiert, nach Deutschland auszuwandern bzw. hier zu studieren, da sie wenig Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes haben.
Neben der Finanzierung von Begegnungszentren und Jugendclubs, die Deutschstämmigen und anderen offen stehen, ist die gesundheitliche Aufklärung eine wichtige Aufgabe, die durch die GTZ unterstützt wird. Da den in Estland ansässigen Russlanddeutschen die estnische Staatsbürgerschaft verweigert wird, wenn sie nicht über ausreichende estnische Sprachkenntnisse verfügen, finanziert die GTZ estnische Sprachkurse, die jedoch keine große Beteiligung finden. Nach Einschätzung von Frau Halter-Jugov aufgrund von durchgeführten Projekten fehle es in den baltischen Ländern häufig an stärkerem eigenen Engagement der Angehörigen der deutschen Minderheit, um ihre eigene Situation - auch mit Unterstützung durch die GTZ - zu verbessern. Für die weitere Unterstützung komme sehr darauf an, durch die Projekte die Eigeninitiative zu stärken.
zusammengefasst von Henriette Deichmann
Für diese Veranstaltung verantwortlich:
Philipp Steinheim und Michael Stoyke
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