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Der russische Traum
Dr. Sergej Henke, Deutsch-russisches Haus Kaliningrad, ehem. Direktor Der russische Traum / Sergej Henke, Deutsch-russisches Haus Kaliningrad, ehem. Direktor / Zusammenfassung | f.ize | Forum Internationale Zusammenarbeit für Nachhaltige Entwicklung
12.11.2002, 20:00 Uhr GTZ-Haus Berlin, Reichpietschufer 20

Kurzvortrag S. Henke
- Aufbruchseuphorie der frühen 90er Jahre, Hoffnung auf Marktwirtschaft und Demokratisierung: trügerisch
- Hindernis: "Blockaden vorwiegend mentaler Art"
- Möglichkeit ihrer Überwindung nur im europäischen Zusammenhang und in "geschichtlichen Zeiträumen"
- Russland heute: Fixierung auf die Ergebnisse der europäischen Modernisierung, aber Ausblendung der Etappen und der notwendigen Mittel, die nötig sind, um diese Ergebnisse zu erreichen; Selbstzufriedenheit unter dem Deckmantel nationaler Größe
Diskussion
interkulturelle Aspekte
- Vergleich mit China: wirtschaftlicher Aufschwung vor Demokratisierung?
Henke: China und Russland nur begrenzt vergleichbar: enormes kulturelles Fundament Chinas heute wieder aktivierbar; Russland dagegen: "die schweigende Gesellschaft", starke Isolation, keine entsprechenden Traditionen
- Der eigene/andere Weg in die Moderne? (Hintergrund: europäische Kritik an der eigenen Modernisierung/Postmoderne)
Henke: 1) lehnt die Diskussion um asiatische, slawische oder sonstige kulturspezifische Werte ab; alle diese Konstruktionen drehten sich um das Verhältnis Staat - Gesellschaft - Individuum; der Erfolg - auch der Tigerstaaten in Südostasien - beruhe auf der schrittweisen Ausdehnung der Spielräume des Individuums; 2) andere Werte repräsentieren eine andere Entwicklungsstufe, "in Russland sehen wir unsere eigene Vergangenheit" (unilineares Entwicklungsmodell)
- japanische Gesellschaftsvorstellungen (keine Dualität von Individuum und Kollektiv) als Alternative zum europäischen Weg in die Moderne
Henke: sieht in der japanischen Gesellschaft dieselben hierarchischen Strukturen wie in der europäischen, dasselbe Wechselspiel zwischen Kollektiv und Individuum
- Warum soll sich Russland überhaupt entwickeln?
"Asketisches Modell" als Alternative zur Nachahmung der ressourcenintensiven westlichen Modernisierung? Gibt es einen Mittelweg?
Henke: 1) keine wirkliche Alternative: Beispiel verarmte Bevölkerung in Kaliningrad; 2) in der modernen, vernetzten Welt hat Russland keine Wahl, als sich zu modernisieren; Askese ist möglich
Die aktuellen Probleme Russlands als Ergebnis der Herrschaftskultur
- Unbeschränkte Staatsmacht als Entwicklungsbremse: Tschetschenien, Geiseldrama in Moskau, Kursk: Machtpotential des Staates unterdrückt Auseinandersetzung und damit die Entwicklung der Gesellschaft ("Asiatisierung Russlands")
Henke: Kritikwille und Kritikkanäle seien vorhanden, aber zu leicht manipulierbar und unterdrückbar
Rechtssystem
- Recht als Instrument der Staatsmacht zur Durchsetzung ihrer Interessen, nicht als Mittel aller Staatsbürger zur Durchsetzung der Gerechtigkeit
- Zivilrecht: Trotz spürbarer Fortschritte weiterhin keine Autonomie der Spähren von Jurisdiktion, Wirtschaft und Politik
Abhilfe / Operationalisierbarkeit der Einsichten
- Selbstheilung der russischen Gesellschaft von innen oder nur durch Hilfe von außen?
Henke: Unterstützung der Entwicklung durch Offenheit und Ehrlichkeit im Dialog mit Russland; keine falsche Angst/Rücksichtnahme (v.a. aufgrund des wirtschaftlichen Interesses an Russlands Ressourcen), keine Hemmungen, "imperiales Gehabe" als solches zu benennen
- z.B.: Stärkung der Presse (aber wie? durch Dialog??)
- Starker Staat als Voraussetzung: "Je größer die Rückständigkeit, desto stärker muss der Staat sein, der Maßnahmen zur Überwindung dieser Rückständigkeit durchsetzen will."
Kritik
- "Nicht der Russe an sich ist anders." Kulturelle Residuen seien nicht bedeutend, vgl. Analysen der Wirtschaftswissenschaften (Institutionenökonomik)
- Wirtschaftliche und politische Modernisierung nicht als Alternativen ansehen
zusammengefasst von Michael Stoyke
Für diese Veranstaltung verantwortlich:
Philipp Steinheim und Michael Stoyke
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